Samstag, 11. Oktober 2014

Mehr und aktuelle Texte über Arabische Welten

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Alfred Hackensberger

Donnerstag, 21. August 2014

Das einträgliche Geschäft mit den Entführungen


Toter US-Journalist: Die Spur des Mörders führt nach England.
Die Enthauptung des US-amerikanischen Journalisten James Foley vor laufender Kamera hat die Welt empört. Was für uns einen Zivilisationsbruch bedeutet, hat sich für die Terroristen der Gruppe Islamischer Staat (IS) zum einträglichen Geschäftszweig entwickelt: Die Entführung von Geiseln, die Forderung von Lösegeld, die Androhung ihrer Tötung – und in einem letzten Schritt auch das Wahrmachen dieser Drohung.
Foley werde als Strafe für die Luftangriffe der USA im Irak getötet, so heißt es in dem perfide inszenierten Video, das die IS-Terroristen in Umlauf brachten. Der Tod des amerikanischen Reporters ist eines der bisher traurigsten Kapitel in der Geschichte der Entführungen von Journalisten im syrisch-irakischen Krisengebiet. Und es wird nicht das letzte sein: In den vergangenen Tagen und Wochen wurden in der Nähe Aleppos zwei Italienerinnen, ein Däne und ein Japaner verschleppt. Alle sollen Reporter oder Fotografen sein, die der IS nach al-Raqqa in seinen Hauptstützpunkt brachte.

80 Journalisten entführt

Seit Beginn des Bürgerkriegs in Syrien wurden insgesamt 80 Journalisten entführt. Davon sollen sich heute noch rund 30 in Gefangenschaft befinden. Genaue Zahlen gibt es nicht, da die Angehörigen der Betroffenen es meist vorziehen, anonym zu bleiben. Dadurch erhoffen sie sich, die Chance auf eine Freilassung der Geiseln zu erhöhen.
In einigen Fällen sorgte die Öffentlichkeit dafür, dass die Medienvertreter tatsächlich freigelassen wurden. "Es gibt da keine feste Regel, was besser oder schlechter ist", sagte ein syrischer Rebellenkommandeur aus Aleppo, der bei einigen Entführungen als Mediator im Einsatz war. "Es kommt immer auf den Einzelfall an."
Kidnappings von Journalisten sind in Syrien eine komplizierte Angelegenheit, denn die Entführer verschleppen ihre Opfer häufig ohne festen Absichten. Die Journalisten werden "vorsorglich" verhaftet, frei nach dem Motto: Für irgendetwas werden die Entführten später schon gut sein. So handhaben es zumindest die radikalen Islamistengruppen Dschabhat al-Nusar und IS.
Im Januar hatte es beispielsweise eine Fatwa (ein religiöses Rechtsgutachten) aus dem Umfeld von Taliban und al-Qaida gegeben, die den Mord an "anti-islamischen" Journalisten und Nachrichtenorganisationen erlaubte. Explizit genannt wurden die Sender Fox News, Associated Press, BBC, Pakistans GEO News und al-Dschasira.

Geiseln als Wertanlage

Die gefangenen Journalisten bunkert man wie ein Anlagevermögen – so eine Art Rücklage für schlechte Zeiten. Häufig bleibt das Schicksal von verschwundenen Medienleuten deshalb ungewiss – weil die Entführer keine Forderungen stellen und damit auch das Lebenszeichen ausbleibt. Deshalb wurde auch in Foleys Fall lange gemutmaßt, er sei schon längst nicht mehr am Leben.
Andere wiederum glaubten, er sei in die Hände des Regimes von Syriens Präsident Baschar al-Assad gefallen. Foley war im November 2012, am Tag des Erntedankfests, von Bewaffneten auf seiner Rückreise in die Türkei unweit des Militärflughafens von Taftanaz entführt worden. Foleys Verhängnis war sein Pass: US-Staatsbürger stehen bei Islamisten im Vergleich zu anderen Nationalitäten hoch im Kurs. US-Amerikaner sieht man als Stellvertreter des Weißen Hauses, des Erzfeinds und Machtzentrums der Ungläubigkeit.
Als Foley entführt wurde, existierte der IS noch gar nicht. Der Journalist, der für das Onlinemagazin "Global Post" und die internationale Nachrichtenagentur AFP arbeitete, muss von seinen ursprünglichen Entführern also weiterverkauft worden sein – oder sie sind später selbst IS beigetreten. Erst als eine Reihe seiner Mitgeiseln freigelassen wurden, erfuhr man, dass Foley noch am Leben war.

USA bezahlen kein Lösegeld

Die Verhandlungen über Foleys Freilassung sollen an Lösegeldforderungen gescheitert sein. Seine Familie hat offenbar nach Monaten der Ungewissheit per E-Mail eine schwindelerregend hohe Lösegeldforderung erhalten: 100 Millionen Dollar (umgerechnet rund 75 Millionen Euro), wie es aus Kreisen von Unterhändlern heißt, die an den Vermittlungsversuchen beteiligt waren. Die US-Regierung blieb hart: Eine Zahlung kam nicht infrage, es wurde sogar verboten, überhaupt darüber zu verhandeln.
Die USA und Großbritannien haben schon vor Langem beschlossen, jegliche Geldzahlungen für verschleppte Landsleute abzulehnen. Die Ermordung von James Foley durch die IS-Extremisten zeigt das Dilemma der westlichen Staaten im Umgang mit derartigen Geiselnahmen: Durch die Ablehnung von Lösegeldzahlungen wie im Falle Foleys riskieren Staaten wie die USA das Leben ihrer Landsleute.
In diesem Jahr erlangten eine ganze Reihe von Journalisten ihre Freiheit wieder. Unter den mindestens zehn Freigelassenen waren die beiden spanischen Journalisten Javier Espinosa und Ricardo García Vilanova sowie die Franzosen Edouard Elias, Didier François, Nicolas Hénin and Pierre Torres. Wie viel Lösegeld bezahlt wurde, ist nicht bekannt. Aber es wird von mehreren Millionen Euro gesprochen.

Uneinheitliche Praxis

Damit sind die Entführungen in Syrien zum guten Geschäft geworden. Kein Wunder, dass andere auf den lukrativen Zug aufspringen wollen. Im Mai scheiterte nur knapp der Versuch, das britische Reporterteam der "Times" zu entführen. Die Täter waren ausgerechnet Rebellenkommandeure, mit denen die Journalisten bereits mehrfach zusammengearbeitet hatten.
Eine einheitliche Linie der westlichen Staaten bei Lösegeldforderungen verlangt der US-Journalist David Rohde, der 2009 monatelang in der Gewalt der Taliban in Afghanistan war und schließlich flüchten konnte. In der Wochenzeitschrift "The Atlantic" schrieb er nun, der Tod Foleys zeige, dass der unterschiedliche Umgang der USA und europäischer Länder mit Lösegeldforderungen "die europäischen Geiseln rettet, den amerikanischen aber keine Chance lässt".
Um dennoch ihren Einsatz für eine Rettung Foleys nachzuweisen, machte die US-Regierung am Mittwoch publik, dass ein Befreiungsversuch für den US-Journalisten im Sommer unternommen worden war. Die Aktion von US-Elitesoldaten scheiterte: Die Geiseln waren nicht mehr an dem erwarteten Ort.

James Foley, der unerschrockene Held


Die Brutalität und die Geringschätzung menschlichen Lebens sind nicht zu überbieten. In einer als "Botschaft an Amerika" inszenierten Exekution wird der US-Journalist James Foley geköpft. Der 40-Jährige wird als Strafe für die Luftangriffe der USA im Irak getötet – ein Menschenopfer wie aus früheren Zeiten. Das am Dienstag vom Islamischen Staat (IS) veröffentlichte Internetvideo zeigt zunächst Fernsehbilder von Obama, wie er die jüngsten Luftangriffe auf Stellungen des IS im Irak bekannt gibt. Danach sieht man Foley im Freien kniend, in orangefarbener Gefangenenkleidung und die Hände am Rücken gefesselt. Der Journalist muss eine vorher einstudierte Erklärung abgeben.
Darin richtet er einen Appell an seine Familie und Freunde, die sich gegen die "eigentlichen Kriminellen", die US-Regierung, wehren sollten. Denn das Weiße Haus und seine Bomben trügen die eigentliche Verantwortung für seinen Tod, so argumentiert Foley gezwungenermaßen. Was ist das für ein Hohn, wenn man in den letzten Momenten seines Lebens gezwungen wird, Lügen zu verbreiten. Man muss lange mit Foley geübt haben, denn er verspricht sich kein einziges Mal.
Seine Verzweiflung ist ihm dennoch anzusehen. Er spricht wie eine Maschine, als sei er vorher einer Gehirnwäsche unterzogen worden. Nach zwei Jahren in Geiselhaft ist das kein Wunder. Die IS-Milizen sind bekannt dafür, ihre Gefangenen wie Hunde zu behandeln, sie zu erniedrigen, zu misshandeln und zu foltern. Nur wer zum Islam konvertiert, darf auf eine halbwegs anständige Behandlung mit regelmäßiger Verpflegung und einer gelegentlichen Dusche hoffen. Foley scheint für das Video zurechtgemacht worden zu sein. Er wirkt frisch rasiert und gewaschen. Seine orangefarbene Kleidung ist neu und den Gefangenenuniformen in US-Gefängnissen nachempfunden.

Erfahrung mit Entführungen

Foley war im November 2012 spurlos verschwunden. Er soll in Syrien in der Nähe des Militärflughafens von Taftanaz gekidnappt worden sein, als es dort heftige Kämpfe zwischen Regime und syrischen Rebellen gab. Lange Zeit wusste man nichts über den Verbleib des Amerikaners aus Rochester, der für das Online-Magazin "Globalpost" und die Nachrichtenagentur AFP arbeitete.
James Foley verschwand im November 2012
Foto: dpa  
 
James Foley verschwand im November 2012
Nachdem es mehr als ein Jahr kein Lebenszeichen und keine Forderungen von Entführern gegeben hatte, wurde schon gemutmaßt, er sei nicht mehr am Leben. Andere glaubten, er sei in den Händen des Regimes. Zu dem Zeitpunkt, als Foley verschwand, gab es noch keinen IS. Dieser wurde erst im April 2013 offiziell gegründet. Der US-Journalist muss entweder von seinen Entführern später an den IS weiterverkauft worden sein, oder die ursprünglichen Entführer sind dem IS beigetreten.
Den Eltern Foleys setzte das Verschwinden des Sohns schwer zu. Aber bis zuletzt hegten sie die Hoffnung, dass es so glimpflich ausgehen würde wie zuvor in Libyen. Ihr Sohn war dort während des Bürgerkriegs zusammen mit drei anderen Reportern von Truppen des damaligen Diktators Muammar al-Gaddafi gefangen und sechs Wochen lang festgehalten worden. Bis zu seiner Freilassung hatten die Eltern nichts von ihm gehört. "Im Gefängnis habe ich mir von den Wärtern einen Koran geben lassen", berichtete Foley später. "Dann trat ich zum Islam über, einfach nur, um Ruhe vor den Gaddafi-Leuten zu haben."
Besonders schlimm sei es im libyschen Knast zu keinem Zeitpunkt gewesen, sagte Foley nach seiner Freilassung. Die Erfahrungen in Syrien dürften andere gewesen sein. Die Eltern gaben verzweifelt Pressekonferenzen, appellierten an Rebellengruppen sowie an die Regierung in Damaskus und baten darum, ihr Sohn möge freigelassen werden. James Foley sei ein ausgewogener Journalist mit einer hohen Arbeitsethik, der keine Mühen scheue, um die Realität darzustellen. "Wir waren nie stolzer auf unseren Sohn Jim", sagte die Muter, Diane Foley, nachdem sie vom Tod ihres Sohnes erfahren hat. "Er hat sein Leben gegeben, um zu zeigen, wie die Menschen in Syrien leiden."

Unerschrocken und mutig

James war mit seiner Videokamera unerschrocken. Er war nach Angriffen meist einer der ersten Journalisten, die sich an die Front wagten. Sobald das Mörserfeuer oder die Bombardierungen nachließen, kam er aus der Deckung und filmte die Zerstörung. Er ging in Feldlazarette, sprach mit Bewohnern, die sich versteckt hielten, und er sprach mit den Kämpfern an der Front.
James Foley war einer, den man bewundern musste. Weil er sich nicht drückte und weil er dabei so unendlich sympathisch war. Deshalb setzten sich auch viele Kollegen ein, nachdem sie von seiner Entführung in Syrien erfuhren. Rebellenkontakte wurden bemüht, um ihn möglichst bald freizubekommen. Aber leider endeten alle Versuche mit dem gleichen Ergebnis: Kommandeure gaben zu, man wisse, wo er sei und wer ihn festhalte. Immer wieder wurde erklärt, es sei nur eine Frage von wenigen Tagen, bis Foley wieder freikomme.
In einigen Fällen wurden sogar Emissäre losgeschickt, die ihn abholen sollten. Aber aus den Tagen wurden Monate und daraus schließlich zwei Jahre. Foley blieb verschollen, bis schließlich Gefangene, die aus IS-Kerkern freigekommen waren, von einem groß gewachsenen US-Amerikaner, der auf seinen Namen hörte, berichteten.
Es tauchten sogar Leute auf, die mit Lebenszeichen von Foley Geld verdienen wollten. Gegen eine "Gebühr" wurden Videos angeboten – es gab auch mehrere Offerten dieser Art an den Autor dieses Artikels –, auf diesen Bewegtbildaufnahmen sollte Foley im Gefängnis bei IS zu sehen sein. Sicher sein, dass der Journalist tatsächlich noch am Leben ist, konnte man sich nie.
Nun taucht ein Video auf, das einerseits das lang erhoffte Lebenszeichen darstellt – und gleichzeitig alle Hoffnung auf ein Wiedersehen mit James Foley raubt. Am Ende zeigen die Terroristen seine Leiche und den abgetrennten Kopf.
Der maskierte Mörder mit britischem Akzent präsentiert zum Schluss einen zweiten US-Journalisten. Ihn erwarte das gleiche Schicksal, droht der IS-Mann mit dem schwerem Londoner Zungenschlag. Abwenden könne das nur US-Präsident Barack Obama, indem er die Bombardierung des Irak einstelle.
Der Name des zweiten Journalisten ist Steven Sotloff, der seit Juli 2013 vermisst wird. Ihn hatten Bewaffnete wenige Kilometer hinter Azaz, der syrischen Grenzstadt zur Türkei, in seinem Wagen gestoppt und entführt, als er als freier Reporter für die Medien "Time", "National Interest" und "MediaLine" recherchierte. Sotloffs syrische Begleiter wurden ebenfalls verhaftet, kamen aber nach drei Wochen wieder frei. Der Amerikaner aber blieb verschollen – bis er neben Foley in dem IS-Video auftauchte.
"Wir flehen die Kidnapper an, das Leben der restlichen Geiseln zu verschonen", sagte Diane Foley, die Mutter des enthaupteten US-Journalisten. "Wie Jim sind auch sie Unschuldige. Sie haben keine Kontrolle über die Politik der US-Regierung im Irak, in Syrien oder irgendwo sonst in der Welt."

An die Schmerzgrenze

Auch Sotloff ist bekannt dafür, dass er an die Schmerzgrenze geht für seinen Job. "Du schaffst es einfach nicht, Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen oder?", hatte zuletzt eine Freundin an seine Facebook-Wand geschrieben. Zuvor hatte der US-Amerikaner seine Facebook-Freunde darüber unterrichtet, wie er im türkischen Antakia, kurz vor der syrischen Grenze, von Polizeikräften niedergerungen worden war, nachdem er mit seiner Kamera einen Demonstrationszug filmte. Das war offenbar zu viel der Nähe gewesen für den Geschmack der türkischen Sicherheitskräfte, die ihm eine Ladung Pfefferspray verpassten.
Man habe ihm seine Kamera abgenommen und ihn auf eine Polizeiwache gebracht, sagte Sotloff. Zuletzt habe er seine Fotoausrüstung wiederbekommen, mit gelöschter Speicherkarte, aber mit durchaus freundlicher Geste, wie er berichtete. "Die Lage ist ernst da unten", schrieb die Facebook-Freundin warnend und ließ nicht locker. "Du solltest die Grenze nach Syrien nicht überqueren. Denn dort wird man dich am Ende nicht höflich behandeln."
Die Nachrichten stammen vom 31. Juli 2013, und sie sind das Letzte, was von Steven zu lesen ist. Wenige Tage später reiste er tatsächlich nach Syrien und fiel in die Hände der Terroristen. Nun trägt er orangefarbene Häftlingskluft und steht auf der Todesliste des IS. "Normalerweise gehöre ich nicht zu denjenigen, die beten", postete Sotloffs Schwester am 7. August auf Facebook. "Aber heute scheint ein guter Tag, damit anzufangen."
Sotloff und Foley wussten, worauf sie sich einließen. Sie wussten, wie man sich in Krisengebieten bewegt. Sotloff etwa kannte den Jemen und hatte gerade über die blutigen Unruhen in Bahrain berichtet. Foley berichtete aus Afghanistan, dem Irak und Libyen. Unerfahrenheit kann man ihnen nicht vorwerfen. Es sind Terrorgruppen wie IS oder auch der syrische Al-Qaida-Ableger Dschabhat al-Nusra, die systematisch Jagd auf Journalisten machen. Denn die Berichterstatter sehen hin und schaffen Transparenz, wo die Islamisten Dunkelheit und Angst bevorzugen.
Mitarbeit: Eva Marie Kogel

Warum junge Deutsche Terror und Tod bringen

Sie kommen aus Berlin oder Dinslaken, doch sie verabscheuen die westliche Gesellschaft. Hunderte Deutsche kämpfen für die Terrorgruppe IS. Die "Welt" sprach erstmals mit einigen von ihnen.

Das Funkgerät knarrt, dann sind arabische Wortfetzen zu hören. Abu Hamza al-Almani hat gerade Schichtdienst an einem Checkpoint in al-Rai, einer Kleinstadt im Norden Syriens. "Es ist nichts los hier! Ziemlich langweilig, den ganzen Tag hier rumzustehen", beschwert sich der 23-Jährige, dessen arabischer Nachname - al-Almani - auf seine Herkunft aus Deutschland verweist.
Er hätte lieber ein bisschen "Action", wie er es formuliert. Die Fotos auf seiner Facebook-Seite lassen erahnen, was er darunter versteht: Hamza mit Pistole, Hamza mit Kalaschnikow oder gemeinsam mit seinen Kumpels in Kampfpose vor einem Pick-up mit Flugabwehrgeschütz.
Er und seine vier Freunde sind mit Kapuzen maskiert, schließlich sind sie Kämpfer der Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS) und damit gesuchte Kriminelle. Sie haben alle einen deutschen Pass und gehören zu den mindestens 400 Männern, die die Bundesrepublik in den vergangenen drei Jahren verlassen haben, um an der Seite der Islamisten zu kämpfen.

Deutsch-Algerier vor Leichenbergen

Im Juli sorgten zwei von ihnen für weltweites Entsetzen. Der Deutsch-Algerier Farid S. alias Abu Lukman al-Almani ließ sich in Syrien vor Leichenbergen filmen und verhöhnte die Toten, die blutverschmiert vor ihm lagen. Abu Talha al-Almani, der aus Berlin stammende Ex-Rapper Deso Dogg, schlug mit einem Schuh wütend auf eine der Leichen ein.

Traum eines Islamisten: Die Ansicht der Twitter-Seite eines Dschihadisten, der im Irak kämpft
 
Hamza hat wie die meisten der deutschen IS-Mitglieder muslimische Wurzeln. Seine Eltern stammen aus der Türkei. Er habe sich vor einigen Monaten dem IS angeschlossen, Genaueres will er nicht sagen. Nach einem dreiwöchigen Militärtraining, das auch täglichen Religionsunterricht einschloss, sei es weitergegangen nach al-Rai. Hier liegt eine von mehreren deutschen Basen. Bei IS werden gewöhnlich Männer aus denselben Ländern oder mit denselben Sprachkenntnissen zusammengelegt.
"Ich hatte in Deutschland kein schlechtes Leben", sagt Hamza, aber glücklich sei er dort nie gewesen. Das habe sich erst geändert, als er sich wieder auf seine Religion besonnen und Gott ihm den rechten Weg gezeigt habe. Doch als gläubiger Muslim könne man in Deutschland nicht leben.

"Wir schaffen hier etwas Großartiges"

"Es ist ein verkommener Ort ohne Moral und Werte, eine Aids-verseuchte Gesellschaft, in der jeder mit jedem Sex hat. Das ist widerlich", sagt Hamza. Er wisse genau, wovon er spreche. "Ich habe früher auch getrunken und Mädchen gehabt." Seit Hamza zurückgefunden hat zu Allah, glaube er wieder an Himmel und Hölle, an Engel, das Jüngste Gericht und an eine bessere Welt.
"Wir schaffen hier etwas Großartiges und erbauen eine gerechte Gesellschaft auf Basis der Scharia." Alle Menschen in al-Rai seien unter dem islamischen Recht zufrieden. "Hier gibt es Sicherheit und Ordnung. Sie sollten mal vorbeikommen und sich das ansehen", rät er dem Reporter. Über die Brutalität des IS, über die Folter und Massenexekutionen will Hamza hingegen nicht sprechen. "Da müssen Sie unseren Emir fragen."
Der Emir, der Führer der Deutschen in diesem Ort unweit der türkischen Grenze, nennt sich Abu Muwahid al-Almani und ist kurdischer Abstammung. Seine Schultern sind breit, er präsentiert sich gern mit Maschinenpistole und einem langen Patronengurt, den er sich über die Schultern gelegt hat.

Der Emir behauptet, für die Bevölkerung zu sorgen

Der Emir müht sich, ein positives Bild seiner Truppe zu vermitteln. "Wir sorgen für die Bevölkerung. Wir organisieren Wasser, Strom und beseitigen den Müll." Den Bürgern vor Ort fehle es an nichts, seit der IS seine schützende Hand über sie halte. "Hier herrscht das Gesetz Gottes, etwas Besseres gibt es nicht", sagt der Emir. Alle Berichte über die angeblichen Schandtaten des IS seien Lügen.
Dummheit, Verblendung oder beides? Abu Muwahid versteht den von ihm eingeschlagenen Weg als Ausdruck des richtigen Glaubens. Kreuzigungen und Enthauptungen, darüber möge man sich im Westen aufregen. Der Anführer der deutschen Islamisten kann daran nichts Verwerfliches finden. "Das sind Strafen, die der Koran vorsieht", sagt er.
Außerdem seien sie unbedingt notwendig. "Sie dienen der Abschreckung, um die Menschen zu einem gottgefälligen Leben anzuhalten." Massenexekutionen und Enthauptungen am Fließband sollen der Wille Gottes sein? Solche Gewaltexzesse sind selbst al-Qaida zu extrem, auch die islamischen Rechtsgelehrten verurteilen sie, ganz zu schweigen von den führenden Rechtsgelehrten des Islam, die das als Perversion ihres Glaubens betrachten.
"Ich persönlich bin wenig erpicht darauf, Köpfe abzuschneiden", sagt Abu Muwahid. "Ich bevorzuge eine Kugel in den Kopf unserer Feinde", sagt er und lacht, als habe er einen besonders guten Witz gemacht. "Aber egal wie die Ungläubigen sterben, am Ende entscheidet Gott allein, ob ihre Weg in die Hölle oder in das Paradies führt."

Er gibt sich "so glücklich wie nie zuvor"

Für die beiden deutschen Dschihadisten hingegen ist klar: Mit ihrem Kampf für die gute Sache in Syrien und Irak haben sie ihre Bestimmung gefunden. "Ich bin hier verheiratet mit einer guten muslimischen Frau und so glücklich wie nie zuvor", sagt Hamza. Unter keinen Umständen wolle er nach Deutschland zurück. Auch nicht, um dort Anschläge zu verüben, wie von den deutschen Sicherheitsbehörden befürchtet. "Mein Kampf ist hier, um Gerechtigkeit und Gottes Gesetz zu verwirklichen."
Emir Abu Muwahid will von der Bundesrepublik ebenfalls nichts wissen. "Keine zehn Pferde würden mich dahin zurückbringen. Deshalb kann Berlin auch ruhig Einreiseverbote verhängen, das stört mich nicht!", sagt er und setzt fordernd hinzu: "Richten Sie das Frau Merkel aus!"
Das sehen nicht alle Dschihadisten mit deutschem Pass so. Silvio K. zum Beispiel kommt aus dem Dunstkreis des verbotenen Salafisten-Vereins Millatu Ibrahim und drohte unlängst mit einem Anschlag auf das einzige US-Atomwaffenlager in Deutschland. Der aus Sachsen stammende IS-Mann, der per Haftbefehl gesucht wird, gab als weitere Attentatsziele öffentliche, private und kirchliche Einrichtungen an.

Die Brutalität lockt noch mehr Dschihadisten an

Das Beängstigende: Die explizite Brutalität der IS-Kämpfer lockt immer mehr deutsche Dschihadisten an. Philipp B., ein Pizzakurier aus Dinslaken, verübte einen Selbstmordanschlag im Irak und tötete mindestens 20 kurdische Soldaten. In Bagdad sprengte sich im Juli der 21-jährige Abu Al-Kaakaa al-Almani aus Ennepetal in Westfalen in die Luft. Er riss 24 Menschen mit in den Tod.
Abu Hamza und Abu Muwahid sind inzwischen abgetaucht. Ihre Facebook-Profile und die einer Reihe anderer deutschen Kämpfer, mit denen die "Welt am Sonntag" in Kontakt stand, sind deaktiviert. Ihre Handys funktionieren, aber man kann nur eine Nachricht hinterlassen. Womöglich bekam Abu Hamza endlich Gelegenheit zur ersehnten "Action".

Mittwoch, 20. August 2014

Der Held der Jesiden ist ein Deutscher Der ungewöhnliche Held Kassem Sch

Der ungewöhnliche Held Kassem Schascho führt die Jesiden an, die im Irak gegen Islamisten kämpfen. Er ist eigentlich Gärtner gewesen, aus der ostwestfälischen Kleinstadt Bad Oeynhausen.

Von Eva Marie Kogel und Alfred Hackensberger
Seit Anfang August hält er sich im Bergmassiv von Sindschar versteckt und kämpft bei Temperaturen von mehr als 40 Grad gemeinsam mit seinen Getreuen. Gegen die Übermacht der Terroristen des "Islamischen Staates" (IS) und für das Überleben der Jesiden. So berichten es jene Flüchtlinge, die ihm sein Leben verdanken. Sein Volk nennt ihn den "Löwen von Sindschar".
Der richtige Name des Löwen lautet Kassem Schascho. Das Ungewöhnlichste an ihm ist wohl sein Pass: Schascho ist deutscher Staatsbürger. Der 62-Jährige Gärtner aus einer Stadt in Nordrhein-Westfalen war in den 90er-Jahren aus seiner Heimat Irak in die Bundesrepublik geflohen. Nun ist er zurück und bietet den Terroristen die Stirn. Wie viele Menschen die IS-Milizen im Irak bereits massakriert haben, kann niemand sagen. Im Falle der Jesiden im Nordirak ist der Gegner besonders rücksichtslos. Die Kämpfer des IS haben die religiöse Minderheit in die kargen Berge von Sindschar getrieben, wo sie ohne Schutz und ohne Wasser unter freiem Himmel auf Hilfe warteten. An ihrer Seite: Kassem Schascho.
"Er ist ein wahrer Held", raunen sich die Geflüchteten zu, die gerade das Martyrium in den kargen Bergen hinter sich gebracht und es in die sicheren Städte wie Zakho an der türkischen Grenze geschafft haben. Mehr als eine Woche hatten Zehntausende Jesiden auf dem 60 Kilometer langen und 1463 Meter hohen Bergrücken Zuflucht vor den Terroristen gesucht. Die Extremisten belagerten sie, hungerten und dürsteten sie aus. Viele Kinder und vor allem die Älteren überlebten die Tortur nicht. "Der Löwe und seine Soldaten haben verhindert, dass die Islamisten den Berg hochgekommen sind", sagt Said, ein älterer, schmächtiger Mann mit grauem Schnauzbart und einem Turban auf dem Kopf. Es hätte sonst ein Massaker gegeben, davon ist er überzeugt.

Ein Deutscher ist die Hoffnung der Jesiden

"Als Kassem in Deutschland von unserer schrecklichen Situation hörte", sagt ein anderer Flüchtling, "ist er sofort in den Irak geflogen, um zu helfen. Er ist ein tapferer Mann." Die Tapferkeit des Löwen sei legendär, weiß auch der Sohn des Löwen zu Hause in Deutschland zu berichten. "Mein Vater übersteht Kriege, er watet durch Blut und er geht durch Feuer", sagt Khaled. "Er fürchtet niemanden und kennt keine Angst." Seit der Vater eine Waffe tragen könne, kämpfe er für sein Volk. Wie oft er ihn denn sehe? In Deutschland sei der Löwe nur noch selten. Einmal, vielleicht zweimal im Jahr besuche er seine Familie. Dann, wenn die Kämpfe es zulassen und er für ein paar Wochen seine Arbeit in den Bergen ruhen lassen kann. Oder wenn er dringend einen Arzt braucht.

Kassem Schascho, 62 Jahre alt, vormals Gärtner
Foto: privat Kassem Schascho, 62 Jahre alt, vormals Gärtner

Gediegenes deutsches Zuhause: Die Söhne von Kassem Schasdo, Adnna (l.) und Chaled aus Sindschar
Foto: Franz Bischof Gediegenes deutsches Zuhause: Die Söhne von Kassem Schasdo, Adnna (l.) und Chaled aus Sindschar 
 
Anfang Juli erwartet seine Familie am Flughafen Hamburg die Ankunft des Löwen. Als die Türen des Gates sich öffnen, wird er im Rollstuhl herausgefahren. Doppelter Beinbruch, ein Autounfall. Die Familie erfährt erst jetzt davon. Vor dem Flughafen habe er als Erstes nach einer Zigarette verlangt.
Zuvor war der Löwe mit ein paar Getreuen in der Türkei unterwegs gewesen. Was er dort machte, als der Unfall passierte, darüber will Schascho nicht sprechen. Ein Anschlag? "Aquaplaning", sagt sein Sohn und zuckt mit den Schultern.
Die Getreuen des Löwen, die mit ihm im Auto saßen und glimpflicher davonkamen, werden später berichten, dass der Löwe schwer verletzt aus dem Wagen gekrochen sei. Dass er im türkischen Krankenhaus die Behandlung verweigerte. Dass er keinen Schmerz kenne. "Die Ärzte da wollten ein Bein amputieren", sagt sein Sohn. "Das geht natürlich nicht. Zum Kämpfen braucht man beide Beine."

Ein Klinkerbau ist sein deutsches Zuhause

Die Familie findet, dass der Löwe eigentlich in eine Notaufnahme gehört. "Aber das wäre blöd gewesen für die ganzen Besucher", sagt Sohn Khaled, "die hätten ja immer zwei Stunden nach Hamburg fahren müssen, um ihn zu sehen." Den Schwerverletzten laden sie also vorsichtig in eines ihrer Autos. Im BMW-Kombi fahren sie ihn heim, nach Nordrhein-Westfalen.
Das deutsche Zuhause des Löwen liegt in einer verkehrsberuhigten Zone. Klinkerbau, Doppelgarage, Hagebuttenhecke, zwei Balkone mit geschnitzter Holzbalustrade. Hier wohnt seine Familie, jedenfalls ein kleiner Teil davon. "Acht Leute", sagt einer der Söhne. "Nein, Quatsch, zehn", sagt ein anderer. Sie einigen sich auf neun.
Zu Hause angekommen, will der Löwe noch eine Zigarette rauchen, bevor die Familie den Krankenwagen ruft. "Im Krankenhaus hatte er ein Einzelzimmer mit acht Stühlen. Da fanden alle Besucher Platz", sagt Khaled. Drei Wochen später wird der Vater auf Krücken entlassen. Einen Tag später fliegt er zurück in den Irak. "Unser Vater opfert sein Leben für sein Volk. Als Außenstehender ist das vielleicht schwer zu verstehen", mutmaßt der Sohn.

Waffen und Geld werden gebraucht

Mit seinem Vater in den irakischen Bergen hält er Kontakt übers Telefon. Die Akkus laden sie dort über die Autobatterien. "Ich bin kein Held", sagt der Löwe der Reporterin übers Telefon, "zumindest so lange nicht, bis mein Volk nicht frei ist." Im Moment sei er "stinksauer", erklärt er. Bisher sei keine internationale Hilfe bei ihm angekommen.
Was er brauche? Vor allem Waffen und Geld. Auf die kurdische Armee, die Peschmerga, sei kein Verlass: "Die haben zwar als Erste geschossen, sind aber auch als Erste geflohen", sagt er. Von Milizen der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) und den Volksverteidigungskräften (YPG) aus Syrien will er dafür Hilfe bei der Evakuierung seines Volkes erhalten haben.
Das bestätigen die Geflüchteten Jesiden im Irak. "Sie haben einen Fluchtkorridor frei gemacht, uns zuerst nach Syrien und danach wieder in den Irak gebracht", sagt später Said. Insgesamt sei man fünf Stunden unterwegs gewesen. "Von den irakischen Peschmerga haben wir nichts gesehen", fügt ein weiterer Flüchtling namens Swan an und die anderen Entkommenen nicken bestätigend. Als sie hören, dass alle lokalen kurdischen Fernsehkanäle im Irak die Soldaten der Peschmerga als Helden der Befreiung der Jesiden feiern, wehren sie ab: "Nein, nein, es gab keine Peschmerga", versichern die geretteten Jesiden erneut. "Wir können doch die Abzeichen an den Uniformen lesen."

Schutz vor andersgläubigen Mehrheitsgesellschaften

Es ist nicht so, dass die Jesiden sich nicht eingerichtet hätten in ihrer Rolle als Minderheit. Seit Jahrhunderten haben sie Strategien entwickelt, die ihnen den Schutz in einer andersgläubigen Mehrheitsgesellschaft garantieren. Die Jesiden haben sich über ein kompliziertes Kastensystem organisiert. Über die Kasten hinweg schließen sie seit jeher Patenschaften – das garantiert Zusammenhalt und Schutz, denn Paten passen aufeinander auf.
Es gibt sogar Patenschaften zwischen Jesiden und Nicht-Jesiden, in den meisten Fällen kurdischen Muslimen. Der Islamische Staat hat es geschafft, dieses System zu untergraben. Was über Jahrhunderte funktioniert hat, scheint jetzt als Modell für ein friedliches Zusammenleben gescheitert. Die irakische Gesellschaft erodiert. Einige Paten, so erzählt Khaled, hätten ihre eigenen Kinder an den Islamischen Staat ausgeliefert oder ohne Gegenwehr deren Entführung beigewohnt.

"Hunderte haben sie verschleppt"

"Sie sind von Haus zu Haus gegangen und haben alle getötet, die ihnen in die Hände fielen", sagt ein ehemaliger Lehrer, der jetzt an der türkischen Grenze in Sicherheit ist. "Und sie haben unsere Frauen entführt." "Hunderte haben sie verschleppt", ruft Said dazwischen. "Das sind alles Barbaren." Die ersten Entführungen von jesidischen Frauen wurden aus Sindschar gemeldet, als der IS die Stadt eroberte.
Aber die Extremisten sollen in der gesamten Region systematisch Jagd auf weibliche Mitglieder der religiösen Gemeinschaft gemacht haben. "Aus einigen Dörfern hat man 50 oder 60 Frauen mitgenommen", berichtet Feleknas Uca, eine deutsche Linken-Politikerin mit kurdischen Wurzeln. Die Jesidin arbeitet derzeit in einem Krisenstab in der türkischen Stadt Silopi nahe der irakisch-syrischen Grenze. Hier wurde ein Lager für mehr als 5000 jesidische Flüchtlinge eingerichtet, Helfer wie Uca kümmern sich um deren Versorgung. "Wir wissen jetzt, dass mindestens 1500 Frauen in den Händen der IS sind", sagt Uca.
Die Terroristen nähmen keine Rücksicht auf das Alter ihrer Opfer. "Sie haben Mädchen im Alter von sieben und acht Jahren entführt sowie Frauen von 70 Jahren." Von jenen Jesiden, denen die Flucht gelang, hat Uca schreckliche Informationen erhalten. "Viele der entführten Frauen befinden sich in Mosul. Dort hat man einen Marktplatz eingerichtet, auf dem sie versteigert werden. Das ist Sklavenhandel", sagt Uca.

Die Tochter für acht Euro verkauft

Ein Vater habe berichtet, seine Tochter sei dort für umgerechnet acht Euro verkauft worden. Die Islamisten ließen einige der entführten Frauen mit ihren Verwandten telefonieren. Die Familie soll vom Elend und Leid der Tochter, der Schwester oder der Mutter erfahren. Psychologische Folter, die sich als wirkungsvoll erweist.
Den Frauen werde irgendwann während des Gesprächs der Hörer aus der Hand genommen, eine fremde Männerstimme habe dann angekündigt: "Das ist jetzt meine Frau und sie wird von mir viele Kinder bekommen." Angeblich wollen die Extremisten die Jesiden ausrotten. Wer schwanger wird, gebärt Muslime. Im Islam wird die Religionszugehörigkeit vom Vater auf die Kinder übertragen.
Eines der bekanntesten Gebete der Jesiden geht so: "Lieber Gott, bitte schütze alle Völker und zuletzt uns selbst." "Was", sagt Khaled, der Sohn des Löwen, "was muss den anderen Völkern erst Schlimmes widerfahren sein, wenn wir jetzt so leiden müssen?"

Dienstag, 29. April 2014

Die Kurden wollen weg von Bagdad

Der autoritäre Führungsstil von Iraks Premier al-Maliki und ausbleibende Ölzahlungen nähren den Wunsch nach Autonomie im Norden. Besuch in der boomenden Region Von Alfred Hackensberger, Erbil

Schade, dass man Saddam Hussein aufgehängt hat", sagt Daham, der uns an einem irakischen Grenzübergang zu Syrien abholt. Er ist ein Vertrauensmann, den man braucht, um sicher durch irakisches Gebiet zu kommen, ohne in die Hände radikaler Islamisten zu fallen. "Würde unser Saddam noch regieren, könnten wir ohne Probleme nach Mosul fahren. Stattdessen schneidet man Ihnen heute dort den Kopf ab."
Mosul ist ein Zentrum von al-Qaida und des Islamischen Staats im Irak und der Levante (Isil), die dort seit Jahren Schutzgelder für die Finanzierung ihrer Organisationen erpressen. "Glauben Sie mir", fährt Daham fort, "Saddam hätte in kürzester Zeit mit diesen Extremisten aufgeräumt." Viele Iraker würden so denken wie er, versichert der Sunnit am Steuer seines uralten, roten Toyota Pick-ups. Natürlich hält Daham nichts von der Parlamentswahl am 30. April. "Das ist ein inszeniertes Theater", meint er mit abweisender Handbewegung. "Alle Politiker stehen auf der Gehaltsliste der USA, die den Irak völlig ruinierten." Daham bringt uns zur Grenze nach Kurdistan, dem einzigen Ort im Irak, in dem man als Europäer noch sicher sei. "Gehen Sie in Frieden", sagt er zum Abschied.
Auf der Weiterfahrt ins 200 Kilometer entfernte Erbil, der Hauptstadt der autonomen kurdischen Region im Norden des Landes, passiert man ungezählte Checkpoints. Autos werden immer wieder aufs Neue nach Sprengstoff und Waffen durchsucht sowie die Identität der Wageninsassen überprüft. Es ist ein weitverzweigtes, dichtes Sicherheitsnetz, mit dem die regionale Regierung Kurdistans (KRG) erfolgreich ihre Städte und die Bevölkerung schützt. Autobomben und Mordanschläge, wie sie im Rest des Iraks zum blutigen Tagesgeschäft gehören, sind im kurdischen Gebiet eine Seltenheit. In Erbil gehen Frauen ohne Kopftuch, auffallend geschminkt und in eng anliegenden Hosen spazieren. Pärchen halten ungeniert Händchen, und in Geschäften wird selbst an religiösen Feiertagen Alkohol gekauft. Viele Iraner besuchen das Nachbarland, um ungestört in Bars und Discos zu feiern. "Zu Hause können wir nur in Privatwohnungen oder Häusern Party machen", sagt Divan, ein 27-Jähriger aus Teheran, der mit drei Freunden für ein verlängertes Wochenende in Erbil ist. "Hier muss man sich nicht verstecken und kann alles öffentlich machen." Frisch rasiert und parfümiert machen sich die jungen Männer abends auf die Suche nach "netter Begleitung", wie sie sagen.
Im arabischen Teil des Iraks ist so etwas völlig undenkbar. Dort kann es das Leben kosten. "Wir mussten 2003 unser Alkoholgeschäft in Bagdad aufgeben", erzählt Samad Najat, der im Laden seines Vaters im Zentrum von Erbil gerade Whiskyflaschen und Bierdosen in Tüten packt. "Zweimal zündete man bei uns Bomben. Zum Glück gab es immer nur Sachschaden." Seit diesen Attentaten und dem erzwungenen Umzug hat Najat jeden Glauben an Politik und Autoritäten verloren. "Ich gehe grundsätzlich nicht mehr wählen, denn das verändert nichts." Aber sein Vater würde abstimmen und Massud Barsani wählen. Barsani ist Präsident der KRG und Führer der Demokratischen Partei Kurdistans (DPK). Sie regiert zusammen mit der Patriotischen Union Kurdistans (PUK). "Egal welche Partei, alle sind Betrüger und Diebe, wie immer sie sich auch nennen mögen", meint Najat mit einem verächtlichen Lachen.
Vor zehn Jahren war Erbil noch ein Dorf, sagt ein Supermarktbesitzer. Heute ist der Ort mit 1,3 Millionen Einwohnern eine moderne Stadt. Teure Geländewagen und Limousinen sind auf der Straße allgegenwärtig. Neue, exklusive Wohnsiedlungen werden errichtet. Empire City, ein Geschäftszentrum, das mit seinen im Bau befindlichen Hochhäusern an Dubai erinnert, soll 2017 eröffnet werden. Erbil ist Boomtown, nicht zuletzt wegen der Erdölvorkommen. Investoren aus den Golfstaaten investieren im stabilen Teil des Iraks. Die Konferenzräume im Fünfsternehotel Rotana sind für Wochen ausgebucht.
In der kurdischen Hauptstadt ist der Wahlkampf unübersehbar. Jeder freie Platz ist mit Plakaten übersät. Fahnengirlanden sind über Straßen gezogen, Poster hängen an Geschäften, schmücken öffentliche Brunnen und sogar Verkehrsschilder. Das völlige Durcheinander von Kandidatenporträts liegt wohl daran, dass neben der Parlamentswahl gleichzeitig Regionalwahlen stattfinden. "83 Prozent haben ihre elektronischen Wahlkarten", behauptet Shwan Taha von der DPK stolz, der erneut für einen Abgeordnetensitz in Bagdad kandidiert. "Das ist der untrügliche Beweis einer wahren Demokratie." Für Taha spielen die Regionalwahlen eine untergeordnete Rolle. "Die Parlamentswahlen bestimmen die Zukunft des Iraks und Kurdistans." Die entscheidende Frage sei, ob man Premierminister Nuri al-Maliki stoppen könne. "Seine Politik hat auf nationaler Ebene eine Grenze erreicht, die nicht mehr zu tolerieren ist", stellt Taha fest. Al-Maliki habe seine Macht politisch, ökonomisch und über bewaffnete Milizen gefestigt. "Als Premier ist er gleichzeitig Verteidigungsminister, Innenminister, Finanzminister und auch Chef des Geheimdienstes." Das müsse ein Ende haben. Ebenfalls nicht mehr zu tolerieren sei al-Malikis Haltung gegenüber Kurdistan. Seit Monaten gibt es keine Einigung über den Anteil der KRG am Staatshaushalt. Bisher habe Kurdistan 17 Prozent erhalten, wovon jedoch nur zehn oder elf Prozent angekommen seien, meint Taha. "Und dieses Geld wurde nicht auf einmal bezahlt, sondern nur scheibchenweise." Immer wieder verzögere Bagdad die Gehaltszahlungen von kurdischen Staatsangestellten.
Hintergrund des Budgetproblems ist die Verteilung der Einnahmen aus dem Erdöl- und Erdgasgeschäft. Bisher verwaltete die Zentralregierung die Erlöse aus den einzigen gewinnträchtigen Ressourcen des Iraks. Aber in Kurdistan möchte man nicht mehr vom Gutdünken Bagdads abhängig sein und verlangt mehr Mitspracherecht. Zumal man in den letzten Jahren eigene Förderanlagen und Raffinerien gebaut hat. Am liebsten würden die Kurden auf eigene Rechnung Öl und Gas verkaufen. Taha glaubt, man könne und müsse im neuen Parlament eine Lösung dafür finden. "Sonst muss man über eine Abspaltung Kurdistans vom Rest des Iraks nachdenken", stellt er abschließend fest. "Noch ist nicht die Zeit dafür, man sollte erst einmal abwarten, was die Wahlen bringen." Wesentlich pessimistischer ist Rawaz M. Khoschnaw, ein DPK-Kollege im Parlament von Bagdad. Der 35-Jährige warnt vor der Diktatur al-Malikis. "Die Wahlen bringen keine klare Mehrheiten", glaubt er. "Die Regierungsbildung werde sich auf unabsehbare Weise hinziehen und die Regierung al-Malikis bleibt weiter im Amt."
Insgesamt stehen 142 Parteien für das Parlament zur Wahl, die Teil von 41 Bündnissen sind. "In der Tat ist kaum zu erwarten, dass eines dieser Bündnisse eine mehrheitsfähige Regierung bilden kann", bestätigt Wladimir van Wilgenburg. Er ist Spezialist für den Mittleren Osten der Jamestown Stiftung in Washington. "Die Kurden waren nach den letzten Wahlen der Königsmacher für al-Maliki, was sich nach den aktuellen Streitigkeiten kaum mehr wiederholen dürfte." Für ihn kommt eine Abspaltung Kurdistans noch zu früh. "Die Barsani-Regierung verhandelt zwar mit dem Nachbarland Türkei über Erdölexporte. Aber bisher fehlt noch die Infrastruktur, um ökonomisch unabhängig zu sein."
Der Parlamentsabgeordnete Khoshnaw kandidiert nicht mehr für sein Amt. "Die Wahlen verändern nichts", sagt er entschieden. "Al-Maliki hat das Parlament Schritt für Schritt entmachtet und neue, ihm unliebsame Gesetzgebungen torpediert." Er werde von den USA und dem Iran unterstützt. Für Washington sei er das "kleinere Übel" im Vergleich zu anderen, weitaus radikaleren schiitischen Politikern im Irak. Al-Maliki stehe für Kontinuität. Iran will ihn als verlängerten Arm der Interessen der islamischen Republik. Er soll weiter den Kampf des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad gegen die Rebellen unterstützen. Der Iran nutzt den irakischen Luftraum für seine Waffenlieferungen an das Regime in Damaskus. Es ist kein Wunder, dass al-Maliki auf Wahlkampfpostern gemeinsam mit Kandidaten wirbt, die im syrischen Bürgerkrieg kämpften.
Einer von ihnen ist Faleh al-Khasali. Der 39-Jährige gibt offen zu, er sei der Kommandeur der ersten schiitischen Kämpfer aus dem Irak in Damaskus gewesen. Dort hätten sie das Stadtviertel, in dem die Moschee von Sayyida Zeinab liegt, von radikalen sunnitischen Islamisten gesäubert. Das Grab der Tochter von Imam Ali auf dem Areal der Moschee ist ein beliebter Wallfahrtsort für Schiiten. Zum Schutz dieses heiligen Ortes ist man bereit zu sterben. Im Internet zeigt sich Khasali in Militärkleidung und mit einer Kalaschnikow in der Hand in Syrien. "Unsere nationale Sicherheit verlangt von uns", sagte Khasali, "dass wir zuerst in Syrien die heiligen Stätte verteidigen." Danach komme der Irak.
Für al-Maliki käme die Abspaltung Kurdistans, abgesehen vom Verlust von Erdöleinnahmen aus dieser Region, nicht ganz ungelegen. Ohne die kurdischen Sunniten würden die Schiiten 80 Prozent der Bevölkerung stellen. Die arabischen Sunniten wären damit eine Minorität, der man keine große Mitspracherechte zugestehen müsste. Irak wäre ein schiitischer Staat.
Im Stadtteil Scharawani von Erbil liegt das Parteibüro von al-Goran. Die Partei des "Wechsels" ist seit 2009 in der Opposition. Umfragen sagen ihren Sieg bei den Regionalwahlen sowie ein Anwachsen der Zahl ihrer Parlamentssitze in Bagdad voraus. "Ich denke nicht, dass al-Maliki seine dritte Amtsperiode antreten kann", meint Abdulsamid Abdulhai, der politische Analyst der Partei. "Seine Regierung versagte bei der Sicherheitsfrage und die Menschen haben das tägliche Blutbad in irakischen Städten satt." Das sollte sich im Wahlergebnis niederschlagen. Abdulhai ist sich allerdings nicht sicher, ob der Volkswille wirklich zur Geltung kommen wird. "Stimmenkauf ist völlig normal. Außerdem haben die Regierenden eine Trumpfkarte im Ärmel." Er meint die Staatsangestellten, insbesondere bei Armee und Polizei, die bereits am Sonntag zu wählen begannen. "Sie haben zwei Wahlkarten und können an ihrem Standort sowie in ihrem Wohnort abstimmen." Nicht vergessen dürfte man auch die Stimmen Verstorbener, die nicht aus dem Wahlregister gelöscht worden seien. "Das ist ein probates Mittel, um sich Mehrheiten zu sichern", meint Abdulhai, "zumal keine Bevölkerungsstatistiken existieren." Er ist sich sicher, so versuche man die nationalen Wahlen zu manipulieren. "Auch hier in Kurdistan wird die herrschende DPK zu diesen illegalen Mitteln greifen", glaubt der Vertreter von al-Goran. Die Regierung von Präsident Barsani sei bekannt für Korruption und Vetternwirtschaft. "Er besetzt neue Ämter mit Familienangehörigen oder Klanmitgliedern." Kurdistan sei fest im Griff der DPK und der anderen Regierungspartei PUK. Beide hätten ihre eigenen Peschmerga-Einheiten. Die bewaffneten Sicherheitskräfte könnten machen, was sie wollten.
Eine Geschmacksprobe der Macht der herrschenden KDP gibt es an der Grenze zu Rojava, dem kurdischen Gebiet auf syrischem Boden. Die Grenze wurde am 12. April geschlossen, sollte aber für Journalisten geöffnet sein. Ein Beamter am letzten Checkpoint nimmt eine bedrohliche Haltung ein, weil wir in den syrischen Teil Kurdistans wollen. Offen gibt er zu, er vertrete die Interessen der DPK und deutet auf den Fernseher. Dort läuft eine Wahlveranstaltung der Partei, die entlang der Grenze einen 17 Kilometer langen und drei Meter tiefen Graben ausheben ließ. Angeblich soll damit der Schmuggel zwischen beiden kurdischen Teilen unterbunden werden. In Wahrheit will man die im syrischen Teil populäre Partei der Demokratischen Union (YPD) unter Druck setzen.
Die YPD gilt als verlängerter Arm der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK), die mit ihrer sozialistischen Ideologie nicht zur kurdischen freien Marktwirtschaft im Irak passt. "Ob al-Qaida oder PKK", stellt der DPK-Abgeordnete Taha in Erbil fest, "sie sind Eier ein und desselben Huhns, nämlich des Terrorismus."
Die Schließung der Grenze zu Rojava kommt einer Blockade gleich. Denn die kurdische Bevölkerung ist dort im Westen und Süden von radikalen Islamisten eingekreist. Im Norden liegt die türkische Grenze, die ebenfalls geschlossen ist. "Ich kann meine Kinder im Irak nicht mehr sehen", sagt einer der Demonstranten, die auf der syrischen Seite protestieren. "Nun erreichen uns keine Hilfsgüter mehr und Flüchtlinge können sich nicht mehr in Sicherheit bringen", erklärt der Familienvater weiter. Obwohl es um unsere Existenz im Krieg gegen Extremisten gehe. "Es ist eine Schande, das seinen kurdischen Brüdern anzutun", ruft eine andere Demonstrantin.
Trotz der Beschwerden lässt man sich die Laune nicht verbieten. Zwischen den Zelten eines Protestcamps tanzt man zu kurdischer Musik. Keine hundert Meter entfernt stehen die irakischen Peschmergas auf der anderen Seite des neu ausgehobenen Grabens. Mit dem Fernglas beobachten sie unaufhörlich ihre "kurdischen Brüder" auf syrischem Boden. Zum Mitwippen lassen sich die Peschmergas nicht hinreißen. Sie bleiben ungerührt, als hätten sie mit all dem nichts zu tun.

"Wir versprechen dir, dich das nächste Mal zu töten"

Luftangriffe, Fassbomben, Hungersnot: Die Rebellen in der syrischen Stadt Aleppo werden von Assad-Truppen heftig bedrängt. Eine Reise zu den Menschen, die in der Hölle des Bürgerkriegs ausharren. Von Alfred Hackensberger, Aleppo

Es ist ein unangenehmes Gefühl: Ständig kreisen Kampfflugzeuge über der Stadt. Ihr Dröhnen ist laut zu hören. Die Hubschrauber, die Fassbomben abwerfen, fliegen nahezu lautlos in hoher Höhe. Jeden Augenblick kann eine dieser mit Sprengstoff, Benzin und Nägeln gefüllten Bomben niedergehen. Mehrfach passiert man Häuser, die vor wenigen Minuten zerstört worden sind.
Verzweifelt suchen Menschen mit bloßen Händen nach Überlebenden und brauchbaren Dingen. Funktionierende Bagger und Raupenfahrzeuge gibt es schon lange nicht mehr in Aleppo. Die Menschen an den Explosionsstellen riskieren ihr Leben, denn seit dem Beginn der Bombenoffensive im Dezember zielt die syrische Luftwaffe nach dem ersten Beschuss oft mit einer weiteren mit Sprengstoff gefüllten Tonne auf die herangeeilten Helfer.
"Bis zu 50 Fassbomben können an einem Tag fallen", erklärt Doktor Osman al-Hadsch Osman, der als Arzt des Dar al-Shifa Krankenhauses bekannt wurde, da er nie ein Blatt vor den Mund nahm. Osman sprach über Kriegsverbrechen des Regimes, aber auch offen über die Verfehlungen der Rebellen. An seiner Einstellung hat sich bis heute nichts geändert. "Das Regime macht das Leben der Zivilisten in Aleppo unmöglich", erklärt Osman. "Der überwiegende Teil der Bevölkerung musste die Stadt verlassen."
Dieses Bild zeigt nach Informationen der Nichtregierungs-Organistation AMC einen Mann und ein Mädchen in Aleppo nach einem Bombardement am vergangenen Montag
Foto: AP Dieses Bild zeigt nach Informationen der Nichtregierungs-Organistation AMC einen Mann und ein Mädchen in Aleppo nach einem Bombardement am vergangenen Montag
Syrien-Konflikt

USA werfen Assad Einsatz von Giftgas vor

Die meisten Straßen Aleppos sind menschenleer. Nur die Ärmsten der Armen bleiben und diejenigen, die keine Familie außerhalb haben. Laut der internationalen Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) sind seit dem ersten November 2013 insgesamt 2401 Menschen dem Bombardement in Aleppo zum Opfer gefallen.
Nun gehen nach Frankreich auch die USA Vorwürfen einer neuen Chemiewaffenattacke im syrischen Bürgerkrieg nach. Das Außenministerium in Washington teilte mit, es gebe "Hinweise" auf den Einsatz einer "giftigen Industriechemikalie, wahrscheinlich Chlor". Eine Vernichtung von Chlorgas, das in der Regel für industrielle Zwecke eingesetzt wird, ist zwischen der Weltgemeinschaft und der syrischen Führung nicht vereinbart.
Selbst Krankenhäuser werden beschossen und aus der Luft bombardiert. "Alle medizinischen Einrichtungen wurden in den letzten Monaten angegriffen", erklärt Osman. "Auch bei uns gab es Tote und Verwundete." Seitdem werde mehr im Keller und im Erdgeschoss gearbeitet. Für den 34-jährigen Mediziner steht fest: "Die Vertreibung der Zivilisten gehört zur Militärstrategie des Regimes. Man will die Stadt einkreisen und die verbliebenen Menschen aushungern."

Syrische Armee steht 19 Kilometer vor Aleppo

Eine Methode, die das Regime bereits in Homs und Damaskus erfolgreich angewandt hat. Die Eingeschlossenen mussten nach Monaten aufgeben, sonst wären sie verhungert. In Aleppo ist die Syrische Armee seit Oktober letzten Jahres auf dem Vormarsch. Es fehlen nur noch 19 Kilometer bis die Hochburg der Opposition im Norden des Landes völlig eingekreist ist.
Osman steht mit den radikalen Islamisten auf Kriegsfuß. Im Dar al-Shifa Krankenhaus hatte er die Flagge der al-Qaida Gruppe Jabhat al-Nusra vom Dach entfernt und war dafür zwei Wochen eingesperrt worden. Als letztes Jahr der noch extremistischere und brutalere Islamische Staat im Irak und in der Levante (Isil) einen Großteil Aleppos unter Kontrolle brachte, musste Osman fliehen. "Sie sagten mir: jetzt haben wir keine Zeit dich zu töten, aber wir versprechen dir, wir machen das später." Zum Glück wurde Isil im Januar aus der Stadt vertrieben. Nun kann sich der liberale Arzt wieder um seine Patienten in Aleppo kümmern.
Draußen auf der Straße vor dem Krankenhaus ist erneut eine kreisende Militärmaschine am Himmel zu sehen. Wartende Taxifahrer haben bereits vorsorglich ihren Wagen verlassen und suchen Deckung. Zur Erleichterung aller dreht das Kampfflugzeug ab.

Kampf um Zugang zum internationalen Flughafen

Die erste Rebellenbrigade, die den Kampf mit Isil in Aleppo begann, ist Dschaisch al-Mudschahedin. Sie soll extra für diesen Zweck aus neun Gruppen gegründet worden sein. "Man konnte nicht mehr dulden, dass sie Hunderte von Leuten verhafteten, sie systematisch folterten und ermordeten", erklärt Mudschahedin-Führer Abu Kutaiba im Hauptquartier, nachdem er das Mittagsgebet abgeschlossen hat. Ihn scheint das deutlich zu vernehmende Surren der Kampfflieger nicht zu stören. Eine Mörsergranate, die mit einem lauten Krachen in der Nähe seiner Basis einschlägt, ist sowieso keine Regung wert.
"Nun ist Isil aus Aleppo vertrieben", fährt Abu Kutaiba fort, "jetzt können wir uns ganz auf das Regime konzentrieren." Die Armee der Mudschahedin begann Anfang April eine Offensive gegen Regimestellungen. Die Rebellen wollen den Stadtteil Ramusi (Ramouseh) erobert haben. Damit wäre der Nachschubweg des Regimes zwischen internationalem Flughafen und einer Militärbasis mit Waffenfabrik abgeschnitten. "Wir warten doch nicht bis uns das Regime einkreist", betont Abu Kutaiba schmunzelnd. "Mit der Offensive haben wir ihm eine Überraschung bereitet", fügt er schmunzelnd hinzu. "So ist eben der Krieg. Das sollten sie mittlerweile wissen."
Die Dschaisch al-Mudschahedin gehören zur Freien Syrischen Armee (FSA), die vom überwiegenden Teil islamistischer Fraktionen abgelehnt wird. Die FSA gilt als Anhänger von Demokratie, Wahlen und Parlament. Das sind Dinge, die für Islamisten verwerflich sind. Für sie zählt nur eins: der "Wille Allahs" und die von ihm gesandte Scharia, das islamische Rechtssystem. "Wir brauchen keine von Menschen fabrizierten Gesetze", sagt ein Anhänger Dschabhat al-Nusras. "Wir haben ihn", fügt der Mann an und deutet mit dem Zeigefinger zum Himmel.

Auf die Islamistenverbände will niemand verzichten

Jamal Maaruf, der Führer der Syrischen Revolutionären Front (SNF), ist eine der schillerndsten Figuren des mittlerweile über drei Jahre andauernden Bürgerkriegs. Er soll ein goldenes iPhone, mehrere Luxuslimousinen und viele Millionen Euro besitzen. Reich soll er hauptsächlich aus dem Verkauf der von den USA und Saudi-Arabien gelieferten Waffen geworden sein. Dazu soll er ein Vermögen mit dem Benzinschmuggel gemacht haben. Dieser schlechte Ruf wurde jedoch deutlich aufpoliert, seit die SNF eine Führungsrolle unter den FSA-Verbänden einnahm und die Extremisten von Isil aus der Provinz Idlib vertrieb.
Wir suchen Maaruf in seinem Heimatdorf in der Nähe von Idlib. Aber gut drei Stunden Fahrt über holprige Pisten und durch unzählige Kontrollen an Checkpoints sind umsonst. Maaruf ist kurz zuvor zu einem Militärtreffen in die Türkei abgereist. Wir treffen ihn also in seiner Wohnung in Antakya, einer türkischen Grenzstadt zu Syrien. Seine Leibwächter lassen uns im Treppenhaus neben Mülltüten der letzten Tage warten. "Er betet noch", sagt ein kräftiger, großgewachsener Mann.
Von einem goldenem iPhone keine Spur, es ist ein billiges Nokia, mit dem Maaruf Gespräche führt. Auch sonst wirkt der einfache Arbeiter, der zum Revolutionär wurde, unprätentiös und bescheiden. Zu seinem schlechten Ruf will Maaruf nicht Stellung nehmen. "Ach, sprechen wir über Wichtigeres", sagt der Chef der SNF, die als eine der wenigen, wirklich moderaten Gruppen unter den Rebellen gilt. Auf Wahlen und Demokratie will sich Maaruf nicht festnageln lassen. Denn mit einem öffentlichen Bekenntnis zum demokratischen System könnte er es sich mit der Islamischen Front und Dschabhat al-Nusra verscherzen. Die SNF kooperiert mit beiden im Kampf gegen Isil wie auch gegen das Regime. Man kann auf die großen Islamistenverbände nicht verzichten, sonst wäre der Bürgerkrieg längst verloren.

Finanzielle Unterstützung von den USA

"Nach dem Sturz Assads muss das syrische Volk entscheiden, was es will", sagt Maaruf vage, aber betont gleichzeitig: "Wir werden jeden bekämpfen, der mit Gewalt versucht seinen Willen anderen überzustülpen." Es ist kein Geheimnis, dass es zwischen Dschabhat al-Nusra, der Islamischen Front und Isil nur wenige ideologische Unterschiede gibt. Alle wollen die Scharia als einzige Rechtsgrundlage. Politische Partizipation oder freie Meinungsbildung gelten als westliches Teufelswerk. Eine Konfrontation mit Dschabhat al-Nusra und anderen Islamisten ist nur eine Frage der Zeit. Maaruf will sich darüber nur ungern äußern. "Über die Zukunft können wir uns momentan keine Gedanken machen", meint der 36-Jährige diplomatisch.
Genauso wenig will Maaruf etwas über neue Waffenlieferungen wissen, mit denen er im Kampf gegen Isil unterstützt wird. Darunter sollen neue Panzerabwehrwaffen und sogar Manpads sein, mit denen man von der Schulter aus Flugzeuge abschießen kann. "Es gab und gibt viele Versprechungen", erläutert Maaruf. "Aber nichts von dem ist wahr. Es gibt Unterstützung, aber die ist lange nicht so groß, wie manche denken."
Seit Beginn des Bürgerkriegs habe er eine Million Dollar von den USA für die Gehälter seiner Soldaten erhalten. Danach nochmal drei Millionen Dollar von Saudi-Arabien. Bei insgesamt 18.000 Mann komme man damit nicht weit. "Heute können wir unseren Kämpfern nichts mehr bezahlen", versichert Maaruf mit ernstem Gesichtsausdruck. "Sie bekommen höchstens Nahrungsmittelpakete." Danach will der Milizenchef endlich zum "wesentlichsten Punkt" kommen. "Wir bekämpfen nicht nur Präsident Baschar al-Assad", beginnt er in deutlich lauterem Tonfall, "sondern auch Russland, Iran und die libanesische Hisbollah, deren Milizen die syrische Armee unterstützt." Und was mache der Westen? "Der lässt uns und das gesamte syrische Volk mit 200.000 Toten im Stich", sagt Maaruf abschließend. "Schreiben sie das zu Hause, das ist ein Skandal!"